Was passieren kann, wenn sich Menschen aus eintönigen Arbeitsumfeldern und -Tätigkeiten und starren Hierarchien lösen und plötzlich in lebenswerten Arbeitsumgebungen mit zugewandten Kommunikationsräumen landen, kann man bei Wieland Strauss beobachten. Der Artist-in-Residence des MöKo hat zuvor als Packetpacker im Erdgeschoss desselben Gebäudes gearbeitet. Heute macht er Kunst, die Ausdruck seiner persönlichen Erfahrungen mit den Untiefen von Arbeitswelten ist. Und spielt.
Wie bist du eigentlich zum MöKo gekommen?
Wieland: Ich habe unten im Erdgeschoss gearbeitet, bis vor fünf, sechs Jahren, und Pakete verpackt. So kannte ich das Möbelkollektiv schon, hatte aber nie direkten Kontakt, außer mal flüchtig mit Thommy [Thomas Dormann, Geschäftsführer], der mit seinem Hund durchs Lager zum Aufzug lief. Ich habe aber immer wieder geguckt, was das MöKo macht, weil mich das Thema Design und diese neuen Konzepte, wie man an Arbeitsräume rangeht, persönlich sehr spannend finde. Über das Berufsförderungswerk, wo meine Reha-Maßnahme kurz vorm Auslaufen war, habe ich mich dann ans Möbelkollektiv zurückerinnert und um ein Praktikum angefragt.
Du kommst ursprünglich aus Coburg und hast Architektur studiert. Wie hat sich daraus dein kreativer Weg entwickelt?
Wieland: Im Architekturstudium konstruiert man tatsächlich sehr viel, es ist viel Bautechnik dabei. Angesprochen hat mich vor allem das Entwerfen, etwas von Null neu zu erschaffen – ich hatte damals einen inneren Antrieb, etwas zu erschaffen und zu gestalten, konnte das aber nicht konkret greifen. Das Studium war rückblickend nicht die richtige Wahl, aber es hat etwas in mir bewegt: einen Prozess in Gang gesetzt, Teile von mir zu öffnen, von denen ich vorher nicht wusste, dass sie da sind, gerade Richtung Kunst. Das war so um 2004, 2005, als ich zum ersten Mal auf die Coburger Designtage gestoßen bin und angefangen habe, digital zu fotografieren und Bilder zu bearbeiten. Irgendwann kam der Wunsch, auch zu malen. Ich hatte großen Respekt davor und habe es lange vor mir hergeschoben, bis ich vor ein paar Jahren zum abstrakten Malen gekommen bin. Es sind Dinge aus meiner Berufstätigkeit, die mich innerlich sehr stark beschäftigt haben, für die ich aber keine konkrete Form finden konnte – und die sich dann komischerweise den Weg nach außen gesucht haben, als abstrakte Malerei. Ich glaube, das war auch ein großer Antrieb, den Kontakt zum Möbelkollektiv zu suchen: genau diese Dinge, die an Arbeitsorten nicht gut funktionieren, vor allem in der Interaktion von Menschen am Arbeitsplatz, haben mich in diesen abstrakten Ausdruck gebracht.
Diesen Blick auf Arbeitsorte bringst du ja jetzt aktiv ins MöKo ein, zum Beispiel mit dem Spieleabend. Wie kam es dazu?
Wieland: Das habe ich in einem vorherigen Praktikum im Deutschen Spielearchiv für mich wiederentdeckt. In meiner Teenagerzeit hatte ich ein paar Jahre lang eine große Leidenschaft für Brettspiele, die dann eingeschlafen ist. Dieses Grundmotiv des Spielens ist wieder erwacht, dazu kommt in den letzten Jahren ein zunehmendes Interesse an Klemmbausteinen. Das erzeugt sehr viel Leben in mir, macht mich auf gewisse Weise lebendig – und ich finde es total super, das hier ins Möbelkollektiv einbringen zu können. Am Spieltisch lernt man Menschen nochmal anders kennen, das ist eine andere Art zu kommunizieren, auch mit denen, die man fast jeden Tag sieht.
Über die Klemmbausteine hast du auch Kontakt zum Leiter des Spielzeugmuseums geknüpft.
Wieland: Genau, über mein Ehrenamt im Spielearchiv. Wir haben uns hier im MöKo zwei Stunden lang über Klemmbausteine unterhalten. Sowohl hier als auch im Spielearchiv ist das eine unkomplizierte, organische Art der Zusammenarbeit und des Zusammenfindens – etwas, das man in klassischen Arbeitsvorbereitungsbereichen wie Berufsförderungswerken nicht wirklich lernt.
Du verstehst dich mittlerweile als Artist-in-Residence hier im MöKo. Was heißt das für dich?
Wieland: Das ist so zwischen den Zeilen gewachsen, aus den Überlegungen und Erfahrungen, die ich hier gesammelt habe. Ursprünglich war das kein Schwerpunkt meines Praktikums, sondern hat sich hier herausgebildet – ich kann es mir nur so erklären, dass das MöKo eine Atmosphäre ist, in der das, was in einem steckt und einen antreibt, auch zum Vorschein kommt. Als ich in meinem Umkreis mal gefragt wurde, was ich eigentlich mache, musste ich selbst erst darüber nachdenken. Dann habe ich von einem anderen Künstler gehört, der eine Artist-in-Residence gemacht hat, mich informiert und gemerkt: Das ist genau das, was ich hier mache. Viele Menschen, denen ich hier begegne, geben mir auch die Rückmeldung, dass sie schätzen, dass ich künstlerische Impulse mit einbringe.
Dann zeig doch mal – was hast du dabei?
Wieland: Beim Malen gehe ich ganz bewusst sehr intuitiv ran, ich versuche nichts zu formulieren, sondern das, was ich spüre, in Bewegung zu übertragen. Bewegung ist ein sehr starkes Motiv, die Strichführung ist stark von japanischer Kalligrafie inspiriert – mich interessiert diese Energie, diese Bewegung, dieses Ausstrahlen. Manchmal kommt ein Bild aus einer konkreten Erinnerung an ein Ereignis oder Phänomen, das eine sehr starke Wirkung auf mich hatte.
Zum Beispiel?
Wieland: Das sind so ein bisschen meine Wutgemälde – wenn ich mich an etwas aus dem alten Job zurückerinnere, an starke Hierarchien und an Dinge, die im Arbeitsalltag nie konkret geäußert wurden. Diese bewusst oder unbewusst nicht kommunizierten Dinge zwischen Menschen am Arbeitsplatz beschäftigen mich total, weil daraus Konflikte entstehen können – das sind sehr impulsgesteuerte, teilweise fließende Gemälde.
Und deine anderen Arbeiten – ist das ein anderer Ton?
Wieland: Ja, das ist eher ein Zusammenspiel nicht explizit negativer Emotionen, eher: Wie nehme ich diese Arbeitswelt wahr, die für mich total rätselhaft ist und in vielen Teilen wie eine Blackbox – und wie gehe ich emotional damit um, weil mich unausgesprochene Regeln und Gesetze immer wieder stark triggern. Die eine digitale Arbeit ist eher der Versuch, mit Farbe und Formen einen positiven Flow-Zustand zu transportieren, so ein bisschen dieses Sichersein im Leben. Das spricht mich auch bei Street Art und Graffiti an, diese Farbigkeit, diese Energie. Ich arbeite viel mit eigenen Fotos, manchmal auch mit einem Kristallpixel-Filter aus meiner Bildbearbeitungssoftware. Und ich male inzwischen auch auf alten Schallplatten, die ich gebraucht kaufe – ich schenke ihnen sozusagen ein neues Leben. Musik war in meinem Elternhaus immer wichtig, auch wenn mir das als Kind nicht bewusst war; heute ist sie eine meiner Hauptinspirationen.
Du arbeitest auch an Kunst im Raum.
Wieland: Ja, zum Beispiel kleine japanische Landschaftsgärten in einem Holzbilderrahmen, mit Kieselsteinen, größeren Steinen als Felsen und Islandmoos – die sollen einen optischen Ruhepunkt geben, wie bei einem großen japanischen Landschaftsgarten, aber im Kleinen, vielleicht sogar im Büroraum. Ähnlich ein beleuchtetes Gestell mit Pflanzen als visuellem Akzent, gerade für die dunkle Jahreszeit. Das sind Dinge, mit denen ich experimentiere – und die Atmosphäre im MöKo ermutigt mich dazu, das auszuprobieren und zu erproben.
Die alte Arbeitsumgebung mit ihren Hierarchien und ihrer fehlenden Kommunikation hat dich eher negativ beschäftigt – hier im MöKo passiert etwas anderes. Wie geht es für dich weiter, auch mit KI und Kunst?
Wieland: Ich möchte KI mal als Ausgangsmaterial ausprobieren, nicht so sehr als fertiges Bild – höchstens dann, wenn ich merke, dass da wirklich mein Impuls drinsteckt. Also eher KI-erzeugte Sachen als Grundmaterial nutzen, oder umgekehrt: ein Foto, das ich hier im Hof geschossen habe, als Grundlage, um mit KI etwas hineinzusetzen. Wenn man KI nicht nutzt, um das fertige Bild zu erzeugen, sondern wie eine Leinwand oder einen Pinsel, glaube ich, kann daraus auch etwas Gutes entstehen.









